Cashagen – das Dorf der Sterne: „Die Menschen hier machen mich glücklich“
Der Ort erlebte 2023 einen Mini-Tornado – Heute sind es Lichtsterne und eine starke Gemeinschaft, die ihn prägen

Drei von 350 Einwohnerinnen und Einwohner: Simone Neervoort (l.), Gabi Rosteck und Sven Struppat wollen am liebsten für immer in Cashagen leben.Fotos: Sebastian Rosenkötter
Cashagen. Es ist dunkel. Stockdunkel. Am Straßenrand drehen sich schemenhaft ein paar Windräder auf Feldern. Plötzlich sind da riesige hölzerne, mit Lichterketten verzierte Sterne. Sie lehnen an Wänden, Hecken, Bäumen und einem Wohnmobil. Die mehr als 60 Exemplare sind Hingucker und Beleg für die außergewöhnliche Dorfgemeinschaft von Cashagen.

Das Dorf in der Gemeinde Ahrensbök – wurde im Oktober 2023 über Nacht bundesweit bekannt. Ein Mini-Tornado beschädigte Häuser, zerstörte Garteninventar wie Stühle, Markisen und die Abdeckung eines Swimmingpools. Einige Teile, so auch das Dach eines Schweinestalls, wurden Hunderte Meter durch die Luft gewirbelt. Wie durch ein Wunder blieben alle damals 318 Einwohnerinnen und Einwohner unverletzt. Mehr als zwei Jahre später treffen sich vier von ihnen vor dem kleinen Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr. Stefanie Quandt reicht dampfende Becher. Kaffee mit einem Schuss Baileys. „Zum Warmwerden“, sagt sie.

Es ist Anfang Dezember 2025. Das Thermometer zeigt vier Grad an. Die Luft ist feucht. Es ist ungemütlich. Dennoch ist hier mehr los als in manch einem dichtbesiedelten Großstadtviertel. Menschen mit Hunden spazieren vorbei. Zwei Jungs – die Dorfjugend – rasen auf Fahrrädern laut johlend vorbei. Ein Auto stoppt auf der anderen Straßenseite, holt jemanden ab. Man kennt sich. Man grüßt sich.

Simone Neervoort lächelt. Die Frau mit der pinken Mütze und dem dazu passenden Schal ist hier Dorfvorsteherin. Sie sagt: „Ich wohne seit meinem siebten Lebensjahr hier. Wir sind aus Lübeck hergezogen. Ich bin ein Dorfmensch, habe hier meinen Mann kennengelernt. Meine Freunde sind hier, meine Jugendclique.“ Cashagen sei für sie Heimat und keinesfalls irgendein Dorf, wo man nur wohnt.

Freiwillige Feuerwehr, Sportverein, Lebendiger Adventskalender, Halloween-Partys und Weihnachtsfeiern, Seniorentreffen und Trommelkurse – all das gebe es hier. Was es nicht gibt, sind ein Supermarkt, ein guter öffentlicher Nahverkehr, Kneipen, Restaurants, Kinos und Schwimmhalle. Kaum ein Pizza-Lieferservice fährt bis Cashagen. Dafür haben die meisten hier schnelles Internet. Glasfaser.

Das ist für Sven Struppat wichtig. Er ist Projektleiter im Bereich IT bei Dräger. „Ich bin vor 25 Jahren hergezogen. Wir haben damals ein Grundstück gesucht und wollten nach Kastorf bei Berkenthin fahren. Irgendwie sind wir stattdessen in Cashagen gelandet, haben ein Haus im Rohbau entdeckt und gekauft“, erinnert er sich und ergänzt: „Ich habe es nie bereut. Hier können meine Frau und ich abschalten. Hier fühlen wir uns wohl.“ Wohl fühlt sich auch Stefanie Quandt. Sie ist seit sechs Jahren Teil des Dorfs. Sie sagt: „Die Menschen hier machen mich glücklich. Wenn ich morgens zur Arbeite fahre, geht neben an ein Fenster auf und es heißt: ‚Mäuschen, fahrt vorsichtig, ist glatt heute.‘ Dann grüßt die Nachbarin mit dem Hund, und die Kinder an der Haltestelle winken.“ All das möge ein wenig kitschig klingen, sei aber total schön.

Alle vier loben den herzlichen Umgang. Und genau dieser sei durch den Mini-Tornado verstärkt worden. „Wir waren ja noch frisch zugezogen. Uns haben wildfremde Menschen geholfen. Erst haben wir Äste geschleppt, nun sind wir befreundet und fahren zusammen in den Urlaub“, sagt Quandt. Diese erlebte Hilfsbereitschaft ist kein Einzelfall. Zahlreiche Einheimische zeigten sich nach der Zerstörung überwältigt von der gegenseitigen Unterstützung.

Gabi Rosteck ergänzt: „Ich habe mal zu meinem Mann gesagt, dass wir hier im Alter nicht einsam sein werden. Die Nachbarn schauen nach einem. Hier liegt keiner wochenlang unentdeckt im Haus.“ Außerdem gebe es genug Holz, Wasser und Nahrung von den Landwirten im Dorf, sodass man auch im Falle eines Stromausfalls keine Probleme haben werde. „Hier bist du sicher“, sagt Rosteck, die auch dafür gesorgt hat, dass so viele Sterne im Dorf leuchten.

„Ich habe ein Video aus einem Dorf in Brandenburg gesehen und gedacht, das ist eine süße Idee“, erzählt sie. Also habe sie ihren Nachbarn, der eine Werkstatt hat, angesprochen und die Aktion in einer WhatsApp-Gruppe des Dorfes platziert. „Ich habe geschrieben, dass jeder, der mitmachen will, 30 Euro in meinen Briefkasten werfen soll, und das Material besorgt.“ Und dann hätten sich eben viele der Dorfbewohner- und bewohnerinnen zum gemeinsamen Basteln getroffen.

Das wünschen sich
die Dorfbewohner

Und ähnlich wie nach dem Mini-Tornado hat das Dorf Cashagen auch jetzt gezeigt, wie man gemeinsam viel erreichen kann. Da bleibt nur eine Frage: Was wünschen sich die Menschen aus Cashagen für die Zukunft – bezogen auf ihre Heimat? Stefanie Quandt überlegt nur kurz und sagt: „Dass die Menschen so bleiben, wie sie sind.“ Sven Struppat ergänzt: „Und einen besseren Nahverkehr. Das ist vor allem im Alter wichtig.“

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