Die Vier sind in einer der lokalen Gruppen der Omas gegen rechts (OGR) im Kreis Ostholstein organisiert. Sie kommen aus Eutin, Plön und dem weiteren Umland. Gegründet im Januar 2022, machen derzeit 20 Frauen aktiv mit, im ganzen Kreis mit einem losen Netzwerk aus mehreren Gruppen sind es etwa 45 bis 50. „Wir wachsen schnell“, sagt Oma Elke, wieder etwas besser gelaunt.
Trotzdem: Die Bundestagswahl, der Erfolg der AfD setzt ihnen zu. Vor allem aber ärgern sie sich auch an diesem Märznachmittag noch immer: über die scharfen Wahlkampf-Angriffe des kommenden Kanzlers Friedrich Merz und die 551 Fragen, die seine Unions-Fraktion der Bundesregierung am 24. Februar, einen Tag nach der Wahl, stellte.
Von einer „Schattenstruktur“ einiger NGOs im Land, auch den OGR als „besonders umstrittenes Beispiel“, war die Rede. Die Union zweifelte an der „politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“. Die Partei wurmte aber wohl, dass sich der Protest gegen die CDU selbst gerichtet hatte. „Wie sollen wir denn die Demokratie im Sinne des Grundgesetzes schützen, wenn es dann heißt, dann bist Du nicht mehr politisch neutral“, fragen die Frauen übereinstimmend am Eutiner Café-Tisch. Absurd sei das. Am 12. März wies die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Anfrage die Vorwürfe zurück.
Im ganzen Land wird seit Wochen über das Thema diskutiert. In der Lübecker Bürgerschaft fragte etwa CDU-Mann Andreas Zander nach städtischen Zuschüssen für Demo-Organisatoren. Die Grünen sprachen daraufhin von einem gezielten „Versuch, kritische Stimmen mundtot zu machen“.Ob die CDU im Lokalen wie im Bund „mehr strategisch oder mehr im Affekt“ handle, könne man noch nicht genau einschätzen, sagt Nils Schuhmacher von der Uni Hamburg. Der Kriminologe und Politikwissenschaftler forscht zu Rechtspopulismus und -extremismus, beschäftigt sich mit Angriffen auf die Demokratie – und wie sie darauf reagiert. Staatlich-geförderte Präventionsarbeit dazu habe zwar eine lange Tradition, komme aber schon länger an ihre Grenzen. „Ihre Reichweite und Wirkung wird oft deutlich überschätzt“, sagt Schuhmacher. Denn: „Politische Konflikte werden vor allem in Alltagswelten, in uns nahen sozialen Räumen ausgetragen. Und hierfür braucht es dann auch vor allem Menschen, die als Teil dieser Alltagswelten handeln und diese gestalten.“ Deswegen seien Graswurzelbewegungen, wie die feministische der Omas, wichtig. „Je mehr Engagement es gibt, je professioneller, je sprachmächtiger der Auftritt ist, desto kleiner werden die Spielräume der extremen Rechten.“
Wie das in der Praxis aussieht, erzählen die Omas im Café. Nicht das „Gegen“ betonen, wichtiger sei, wofür sie stehen: für Dialog und Demokratieerhalt, für den Umweltschutz, für eine vielfältige Gesellschaft. „Wir sind für eine enkelgerechte Zukunft“, sagt Oma Birgit. „Oma ist eine Haltung, wir sind zu alt, um feige zu sein“.
Einfach ist das nicht immer. „Wir erhalten aber auch viel Zuspruch, gerade von Jüngeren“, sagt Oma Alice, die in einem Museum arbeitet. Dann erzählt sie von einem Konflikt in der eigenen Familie. Ein Verwandter habe dauernd gegen Migranten gewettert, sie habe dagegengehalten. Schließlich kam es zum Bruch. „Es ging nicht mehr“.
Oma Elke spricht bewegt von den Ängsten der zehnjährigen Mitschüler ihrer Enkelin in Hessen. Sie hätten im Unterricht gefragt, ob sie nun abgeschoben würden, weil ihre Eltern aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen wären. Diese Geschichten seien es, die erschüttern, aber eben auch motivieren, aufzustehen. Das Miteinander funktioniert. „Es hängen nie alle Omas gleichzeitig durch“, sagt Oma Sigrid, die früher als Journalistin gearbeitet hat, und lacht. Sie kümmert sich um einen jungen Mann aus Afghanistan, hilft ihm Deutsch zu lernen. „Er macht das super, arbeitet als Handwerker und ist bei der Feuerwehr aktiv“.
In diesem Jahr haben die Omas gegen rechts und von nebenan viel vor: Am 25. Juni ist eine Gedenkveranstaltung in Eutin zur Bücherverbrennung 1933 geplant, ebenso wie eine Stadtbegehung zum Thema Nationalsozialismus. Auch ein Austausch mit Sinti und Roma in der Region ist angesetzt. Und: Die nächste Demo kommt bestimmt.