Lena (Name geändert) hat in den vergangenen acht Jahren in zwei Beziehungen partnerschaftliche Gewalt erlebt, sowohl psychische als auch physische. „Für mich war körperliche Gewalt Normalität“, sagt die Ostholsteinerin. Sie wurde von ihren Ex-Partnern unter anderem eingesperrt, emotional erpresst, vergewaltigt, bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt und wird bis heute gestalkt. „Ich habe mich hinterher gewundert, dass mein Ex nicht versucht hat, mich zu töten“, resümiert die 30-Jährige eine ihrer vergangenen Beziehungen.
Lena ist laut geschätzten Zahlen des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein eine von 36.640 Frauen, die in den letzten zwölf Monaten im nördlichsten Bundesland häusliche Gewalt erlebt haben. Laut Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA)ist jede vierte Frau in Deutschland von sexueller oder körperlicher Gewalt in ihrer Partnerschaft betroffen. „Das kann leider jeder Frau passieren“, sagt Ruth Taschendorf von der Frauenberatung und Notruf Ostholstein. Die Verantwortung läge immer bei den Tätern. „Das Problem zieht sich durch alle Schichten“, ergänzt Kollegin Randi Wirth.Der Verein Frauenberatung und Notruf Ostholstein berät Frauen zu allen Formen von Gewalt. Der Verein ist der einzige in Ostholstein, der sich speziell mit Gewalt gegen Frauen beschäftigt. „Wenn sich eine Frau bei uns meldet, dann machen wir einen Beratungstermin, bei dem die Betroffene uns ihren Leidensdruck schildert“, erklärt Wirth. Die Beraterinnen könnten dann Optionen für die Lebenslage und rechtliche Schritte aufzeigen. Die Beratungen sind kostenlos. Gemeinsam versuchen sie eine Lösung zu finden, die akute Gefahr einzuschätzen und im Zweifelsfall planen sie eine Flucht. „Jede Frau, die nicht getötet oder Opfer schwerster Gewalt wird, ist ein Erfolg“, sagt Randi Wirth.Im vergangenen Jahr hat der Frauennotruf 404 Frauen in Ostholstein beraten – Lena ist eine von ihnen. „Ich habe jemanden gebraucht, mit dem ich über meine Erlebnisse sprechen konnte, der Erfahrung hat“, erklärt die 30-Jährige diesen Schritt.
Viele Verhaltensmuster von Tätern bei partnerschaftlicher Gewalt ähneln Lenas gelebter Realität. „Bei Gewalt geht es immer um Macht und Kontrolle“, erklärt Randi Wirth. Typische Merkmale, die auf (spätere) Gewalt hindeuten könnten, seien zum Beispiel, wenn der Partner die Frau von ihrem Umfeld isoliere, sie abhängig mache (auch finanziell), ihren Selbstwert klein mache, sie demütige oder beleidige und der Fokus auf dem Mann liege. Oft würden die Täter ihre Partnerinnen zu Beginn der Beziehung besonders auf Händen tragen.
Der vermeintlich einfache Weg einer Trennung kann oft einen Risikofaktor darstellen. „Durch die Trennung entzieht die Frau dem Mann die Macht über sie. Viele Frauen fürchten, dass ihr Partner sie tötet, wenn sie geht“, sagt Randi Wirth.
Die Angst ist nicht unbegründet: Seit 2018 haben 54 Männer in Schleswig-Holstein versucht, ihre (Ex)-Partnerin zu töten. 37 Frauen wurden dabei getötet, wie Zahlen des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein zeigen. 2023 wurden deutschlandweit 247 Frauen und Mädchen Opfer eines solchen Femizids, der auf häusliche Gewalt folgte (BKA).Eskaliert die Gewalt in einer Partnerschaft, hilft oft nur noch das Frauenhaus, in dem die Betroffenen sicher sind. So ging es Carolin P. aus Neustadt. In ihrer Ehe hat sie körperliche und psychische Gewalt erlebt.
„Einmal hat mein Ehemann mich und eins meiner Kinder verprügelt und uns mit einer Baseballkeule durchs Wohngebiet gejagt“, beschreibt sie eine Situation. „Als mein Mann unser Kind geschlagen hat, wusste ich, ich muss gehen.“
Allerdings musste Carolin P. die Gewalt und Demütigungen ihres Mannes fast ein Jahr lang aushalten. „Ich hatte unglaubliche Angst und wusste nicht, wie es weiter geht“, sagt sie. „Der Frauennotruf hat immer wieder nach Frauenhausplätzen geschaut, aber es gab keine Plätze, nirgendwo“, erinnert sich die 40-Jährige. Laut dem Sozialverband Deutschland fehlen im ganzen Bundesgebiet 13.300 Plätze in Frauenhäusern. Im November 2023 sei dann ein Platz frei geworden. „Das Frauenhaus war wirklich meine letzte Rettung. Als ich gegangen bin, hat mein Mann gedroht, mich umzubringen“, erzählt Carolin P. Von dort aus hat sie sich eine neue Wohnung und eine Anwältin gesucht. „Ich kann jeder Frau in so einer Situation raten, zu gehen. Ich weiß, dass es schwer ist, aber Aufgeben ist keine Option und für das Leben danach lohnt es sich zu kämpfen.“
Bereits bei ersten Gewalterfahrungen empfiehlt Ruth Taschendorf vom Frauennotruf in Eutin, eine vertrauliche Spurensicherung in der Rechtsmedizin der Uniklinik Lübeck, Kiel oder Hamburg durchführen zu lassen. Hierbei können Opfer von Gewalt ihre Verletzungen dokumentieren lassen, auch ohne eine Anzeige zu erstatten. Das Angebot ist kostenlos. „So hat die Frau später Beweise, wenn sie sich doch für den Rechtsweg entscheidet, denn oft sind sie selbst die einzige Zeugin der Gewalt.“