Sein Tag beginnt früh: Jeden Morgen steht Ilir Kryemadhi um 5 Uhr auf und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Der gelernte Maler und Lackierer arbeitet derzeit auf einer Baustelle im rund eineinhalb Stunden entfernten Rendsburg. Wenn er gegen 17 Uhr nach Lübeck zurückkehrt, ist sein Arbeitstag nicht vorbei. Oft führt ihn sein Weg anschließend ins Solizentrum zum Cicletta Club, einer Fahrradwerkstatt, in der Menschen bei der Reparatur ihrer Fahrräder unterstützt werden. Offiziell ist die Werkstatt sonnabends von 16 bis 19 Uhr geöffnet. Doch Ilir Kryemadhi hilft auch außerhalb dieser Zeiten, wenn jemand seine Unterstützung benötigt. Seit der Gründung des Cicletta Clubs im Jahr 2016 gehört er fest zum Solizentrum.
Ilir Kryemadhi kam 2015 aus Albanien nach Deutschland. Zunächst lebte er in einer Schule in Lübeck-Moisling und danach in Containern auf dem Volksfestplatz. Noch im selben Jahr führte ihn sein Weg erstmals spontan ins Solizentrum in der Willy-Brandt-Allee. Das Zentrum war im Sommer 2015 entstanden, um Flüchtlinge mit Übernachtungsplätzen, Nahrungsmitteln, Kleidung und medizinischer Hilfe zu unterstützen. „Dort sah ich, dass Hilfe gebraucht wurde. Ich durfte in der Zeit selbst nirgendwo arbeiten und fragte, ob ich dort mithelfen darf.“
Von da an brachte er seine handwerklichen Fähigkeiten dort ein, wo sie benötigt wurden. Er half bei der Gestaltung und Instandsetzung der Gebäude und engagierte sich später im Cicletta Club. Aus der anfänglichen Unterstützung wurde ein dauerhaftes Ehrenamt. „Ich lebe dafür, dass ich helfen kann und die Leute zufrieden und glücklich sind“, sagt Ilir Kryemadhi. Dass sein Einsatz weit über gelegentliche Unterstützung hinausgeht, betont Heike Behrens vom Flüchtlingsforum Lübeck. Sie hat Ilir Kryemadhi dem St.-Petri-Kuratorium für den Günter-Harig-Preis vorgeschlagen.
„Das Besondere an der Mithilfe von Herrn Kryemadhi ist, dass er nicht wie viele nur ein paar Monate im Solizentrum mithalf, sondern zu den ganz wenigen gehört, die bis heute dageblieben sind. Und das in einer Konstanz und mit einer Menschenfreundlichkeit, die ihresgleichen sucht“, sagt sie. Im Sinne des 2017 verstorbenen ehemaligen Pastors an St. Petri, Günter Harig, zeichnet das Kuratorium jedes Jahr eine Person aus, die sich für das Gemeinwohl in Lübeck einsetzt. „Der Preis geht an Menschen, die ganz konkret anpacken – oft im Kleinen und dort, wo es kaum jemand sieht. Gerade dieses stille Engagement kann unglaublich viel bewirken“, sagt die St.-Petri-Pastorin Lilly Schaack.
Ilir Kryemadhi stehe beispielhaft für dieses Engagement. Er gehöre zu denen, „die selbst nicht das Rampenlicht suchen, sondern einfach sehen, wo sie gebraucht werden. Dass er das seit vielen Jahren mit einer solchen Verlässlichkeit und Bescheidenheit tut, hat das St.-Petri-Kuratorium besonders beeindruckt“, sagt die Pastorin. Der Albaner freut sich über die Wertschätzung durch den Günter-Harig-Preis, möchte aber auch betonen, dass ihn seine Kolleginnen und Kollegen aus dem Solidaritätszentrum ebenfalls verdient hätten: „Es gibt hier Menschen, die schon so lange dabei sind und so viel machen. Auch für sie ist dieser Preis.“