Schock in Ostholstein:„Das ist Tierquälerei“
Urlauberin beobachtet mutmaßlich illegale Schlachtung – Polizei ermittelt gegen einen Ostholsteiner – Viele offene Fragen.

Anja Berner steht am Zaun zum Nachbargrundstück. Hinter der Holzkonstruktion sind die Schafe geschlachtet worden.Foto: Manuel Büchner
Ostholstein. Urlaub – die schönste Zeit des Jahres. Für Anja Berner und ihre Familie ist seit vielen Jahren Ostholstein der passende Sehnsuchtsort. Das ändert sich am Sonntag, 30. August, schlagartig. „Es sind Sekunden, die ich nicht mehr vergessen werde“, sagt die Baden-Württembergerin.

Berner steht morgens am Badfenster ihres Ferienhauses und beobachtet, wie zwei Männer einen Kofferraum öffnen, zwei Schafe herausholen, deren Mäuler zu- und Beine festhalten und ins Nachbarhaus rennen. „Mir war sofort klar: Die schlachten jetzt die Schafe.“

Berner zögert erst, geht dann aber ins Schlafzimmer und versucht, einen Blick auf den Hinterhof zu erhaschen. Nach ihrer Darstellung bot sich dieses Bild: „Sie haben kurzen Prozess gemacht – ohne Betäubung. Das ist Tierquälerei – nichts anderes.“

Die Tiere liegen tot, teilweise gehäutet, mit abgetrennten Gliedmaßen, unter einer Holzkonstruktion. So berichtet es Berner, die dann bei einer Polizeistation Alarm schlägt. „Am Telefon hat mir der Polizist gesagt, er müsse sich erst einlesen. Das hat mich schon verwundert.“ Mit etwas Abstand habe sie dafür aber auch ein bisschen Verständnis. „Wir waren alle baff und etwas überfordert.“

Informiert hat sie auch die Hausbesitzerin. Am Zaun zum Nachbargrundstück stehen beide Frauen und wollen die Männer zur Rede stellen. „Wir haben ‚Stopp, Stopp‘ geschrien. Die Nerven lagen blank“, erinnert sich die Hausbesitzerin. Auch der Eigentümer des Hauses und Chef eines Restaurants ist jetzt vor Ort. Er sei ziemlich genervt gewesen, erzählen beide. „Er hat mich gefragt: ‚Was hast du für ein Problem?‘“, erzählt die Hausbesitzerin.

Ein Polizist ist vor Ort, spricht mit den Männern und den beiden Frauen, wie sie später berichten. Dann fährt er wieder. Für Berner unverständlich: „Warum hat die Polizei die Kadaver nicht sichergestellt? Was ist mit den Tatwerkzeugen?“ Der Polizist habe ihr gesagt, er wisse nicht, wohin mit den toten Tieren, weil das Veterinäramt am Sonntag nicht geöffnet habe.

Ein Umstand, der auch beim zuständigen Fachdienst Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit beim Kreis Ostholstein für Verwunderung sorgt. Es liege ein Polizeibericht vor, sagt Sprecherin Annika Sommerfeld. Tätig geworden sei man noch nicht, da die Polizei die Kadaver nicht sichergestellt habe, sagt sie.

Berner und die Hausbesitzerin haben weitere Fragen: „Die Männer sind Angestellte im Restaurant. Wird gegen den Restaurantchef und Hauseigentümer ermittelt? Es wäre ein Skandal, wenn das hinterher im Restaurant auf dem Teller landet.“ Auch die Herkunft der Tiere sei doch entscheidend. „Wir wissen, dass die Schafe von einem hiesigen Bauernhof kommen. Welche Rolle spielt das bei den Ermittlungen?“ Und: Die Männer seien nach ihren Beobachtungen „professionell und eiskalt-abgeklärt“ vorgegangen. „Sie wussten genau, was sie tun. Wie viele Tiere sind hier schon verendet?“

Auf LN-Nachfrage äußert sich die Polizei zu keiner der Fragen – auch nach Abschluss der Ermittlungen wegen des Schutzes von Persönlichkeitsrechten. Nur so viel: Es werde gegen einen 25-jährigen Ostholsteiner ermittelt wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, die Tierschutzschlachtverordnung und das Tierische-Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz. Geprüft werde zudem, ob die Tiere geschächtet worden seien.

Die Tiere werden ein paar Stunden nach dem Vorfall abgeholt – aber nicht von der Polizei. „Zwei Angestellte des Restaurants haben die Kadaver in einer weißen Wanne in den Kofferraum gehievt und sind weggefahren“, erzählt Berner.

Ermittlungen gegen den Restaurantbetreiber „werden aktuell weder bestätigt noch dementiert“, sagt ein Polizeisprecher. Der Fachdienst Lebensmittelsicherheit ist aktiv geworden. Man habe „Lebensmittel im Restaurant sichergestellt“, sagt Kreissprecherin Sommerfeld. Weiter: „Die Untersuchungsergebnisse werden derzeit ausgewertet.“

Die LN haben dem Restaurantbesitzer Fragen zum Vorfall per E-Mail geschickt. Diese blieben unbeantwortet. Laut Polizei liegt der Fall jetzt bei der Staatsanwaltschaft in Lübeck.

Die Tierschutzorganisation Peta will bei der Staatsanwaltschaft Lübeck Strafanzeige erstatten wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, sagt Falko Drescher aus der Peta-Rechtsabteilung. Der Jurist vermutet: „Bei dem Vorfall dürfte es sich um eine Hausschlachtung gehandelt haben.“

Die sei prinzipiell erlaubt, jedoch müssten Mindestanforderungen eingehalten werden. Heißt: „Das Tier muss vor der eigentlichen Schlachtung wirksam betäubt werden. Es dürfen nur zulässige Betäubungs- und Tötungsverfahren angewendet werden, wobei vermeidbare Schmerzen, Leiden und Aufregung zu verhindern sind“, erklärt Drescher. Und weiter: Nach der Betäubung müsse das Tier fachgerecht und rechtzeitig entblutet werden. Soll das Fleisch privat verzehrt werden, sei eine amtliche Fleischuntersuchung erforderlich, ergänzt der Tierschutzrechtler.

Wie oft solche Fälle wie in Ostholstein deutschlandweit vorkommen, ist unklar. „Es gibt keine belastbaren Zahlen“, sagt der Tierschutzrechtler. Der Grund: Diese Straftaten werden in der Kriminalstatistik nicht gesondert erfasst. „Bekannt werden nur Fälle, die Behörden, Tierschutzorganisationen oder Medien erreichen – etwa durch Hinweise von Zeugen“, erzählt Drescher und fügt hinzu: „Es ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen.“ bue
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