Wegziehen und ihr Zuhause hinter sich lassen – darüber denken Hogens gerade nach. „Wir wollen nicht vom Herzen her, aber der Verstand sagt: Es geht nicht anders“, sagt Susanne Hogen. Die Gründe sind vielfältig – einer sticht heraus: die Belastung durch Erschütterungen, die insbesondere der Güterverkehr mit bis zu 835 Meter langen Zügen verursacht. „Wir haben Angst, krank zu werden – nachts keinen geregelten Schlaf mehr zu bekommen“, sagt ihr Mann.
Steigende
Güterzug-Prognose
Ein Gutachten der Technischen Universität Dresden, das die Stadt eingeholt hat, sieht gesundheitsschädliche Einflüsse in Form von erheblichen Schlafstörungen. Mehr als 100 Wohngebäude sind laut Studie betroffen. Doch deren Zahlen basieren noch auf der Annahme, dass nachts, zwischen 22 und 6 Uhr, „nur“ 21 der täglich 70 Güterzüge fahren, die die Bahn auf der Strecke erwartet. Mittlerweile sollen es mindestens 30 sein. Wobei das Güterverkehrsaufkommen weiter steigen wird. Die Bahn arbeitet noch mit der veralteten Verkehrsprognose 2030. Das Update 2040 geht von einem massiven Anstieg der Transportmengen aus.
Was Reinhard Hogen besonders ärgert: Lange habe die Bahn öffentlich kommuniziert, dass in Bad Schwartau vermutlich knapp 20 Wohnhäuser im Nahbereich des Schienenverlaufs nicht ausreichend gegen Erschütterungen geschützt werden könnten. „Heute sind es 317 Häuser. So hat sich die DB die Bestandstrasse ergaunert.“
Die Belastung durch Güterzüge, die bis 1997 durch Bad Schwartau gefahren sind, kennt das Ehepaar nur zu gut. „Taigatrommel“, sagt der Bad Schwartauer mit einem leicht verkniffenen Lächeln auf den Lippen. Es ist der Spitzname der schweren Dieselloks aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach der Wiedervereinigung mit ihren ohrenbetäubend trommelnden Motoren auch durch die alten Bundesländer fuhren. „Es hat im ganzen Haus gerappelt“, erzählen beide. Mit einem Unterschied: Die Güterzüge fuhren seltener und waren deutlich kürzer, als dies mit Eröffnung der Hinterlandanbindung zu erwarten ist. „Im Vergleich war das damals maßvoll“, sagt Reinhard Hogen.
Hogens, beide Sozialpädagogen im Ruhestand, leben seit 1985 in ihrem Zuhause. „Es ist alles grün ringsherum. Für unser Wohlbefinden ist das essenziell“, erzählt er. Die Wohnbebauung sei Teil der Natur, füge sich perfekt ein, erzählt sie. Die drei Kinder sind hier aufgewachsen. „Sie haben mit den Nachbarskindern auf der Straße gespielt. Das war kein Problem“, erinnern sich beide.
Baustellen, Lärmschutz und Waldverlust
Dass eines Tages mal ein anderer Wind weht, hat die Familie schon lange geahnt. „Seit dem deutsch-dänischen Staatsvertrag von 2008“, sagt Reinhard Hogen trocken. „Aber das war lange weit weg“, ergänzt seine Frau. Und heute? Demos, Infoveranstaltungen, die Arbeit der Bürgerinitiative und politische Beschlüsse – dazu Plakate und Banner in den Straßen, die warnen vor Baustellenchaos, riesigen Lärmschutzwänden, Waldverlust und Güterzügen im Minutentakt: Das Thema sei allgegenwärtig, sagen beide.
Denn der Güterverkehr ist nicht die einzige Bewährungsprobe für das Ehepaar und die Anwohnerinnen und Anwohner an der Strecke. „Uns erwartet eine jahrelange Bauphase mit Lärm und massivem Lkw-Verkehr“, sagt Reinhard Hogen. Die Menschen in den Stadtteilen Kaltenhof und Marienholm werden mit dem Auto Umwege fahren müssen, entweder über die L181 oder die A1.
Auf dem Grundstück der Hogens muss die Bahn Anker in den Boden rammen, damit die Spundwände beim Trogbau ausreichend Halt haben. Die Anker sollen im Boden bleiben. „Warum? Eine berechtigte Frage“, sagt Susanne Hogen. Was sie zusätzlich an der Grundstücksgrenze bekommen: eine acht Meter hohe Lärmschutzwand.
Wäre ein anderer
Trassenverlauf möglich?
Was sich die Hogens wünschen? Einen autobahnparallelen Trassenverlauf, östlich der A1 entlang. Die Variante hatte die Bahn geprüft, aber als zweitbeste Wahl verworfen. Aufseiten der Stadt sieht man das Ranking kritisch. „Weniger Betroffenheit, keine Streckensperrung und deutlich preiswerter im Bau“, zählt das Ehepaar auf. „Das macht uns Hoffnung“, betonen beide.
Und wie geht es weiter? „Wir möchten hierbleiben“, sagt Susanne Hogen. Dann wechselt ihre Sprachmelodie fast in den Fragemodus: „Wenn sich die DB aber gegen uns entscheidet, müssten wir den Absprung wagen.“ Ihr Mann führt den Satz weiter: „Aber wann ist der richtige Zeitpunkt?“
Ein Dilemma für das Ehepaar. „Freunde sagen uns immer wieder: Seht zu, dass ihr das Haus loswerdet“, erzählen beide. Bleibt am Ende jedoch noch eine Frage, die Reinhard Hogen mit einem Schulterzucken in den Raum stellt: „Wer würde das Haus denn in der Situation kaufen?“