Vor einem Jahr gab Thomas Keller bekannt, dass er nicht für eine vierte Amtszeit kandidieren wird. „Jetzt habe ich ein Alter, in dem ich noch etwas anderes machen kann“, erklärt der 55-Jährige. „In sechs Jahren wäre das vielleicht nicht mehr der Fall.“ Außerdem lebe das Bürgermeister-Amt vom Wechsel, findet er. Sein Nachfolger steht fest: Dennis Jaacks, parteilos wie Thomas Keller, hat sich bei der Wahl im März mit 87,7 Prozent der Stimmen gegen einen Konkurrenten durchgesetzt.
Bürgermeister
mit 36 Jahren
Ein derart überwältigendes Ergebnis erzielte Thomas Keller bei seiner ersten Kandidatur 2008 nicht. Doch der ebenfalls klare Sieg des damals 36-jährigen Hauptamtsleiters gegen vier andere Kandidaten überraschte einige, auch Thomas Keller selbst: „Über 55 Prozent im ersten Wahlgang, keine Stichwahl – ich habe dagegen gewettet und eine Flasche Champagner verloren.“
Sein Alter sei damals ein Thema gewesen, erinnert sich Thomas Keller: „Es gab die Fragen: Ist er nicht zu jung? Hat er schon genug Erfahrung?“ Der Diplom-Verwaltungswirt machte seine Sache gut. So gut, dass zu den Wahlen 2014 und 2020 gar keine Gegenkandidaten auf den Plan traten und Thomas Keller 93 beziehungsweise 96 Prozent der Stimmen erhielt.
Das älteste Foto von ihm im digitalen LN-Archiv stammt aus dem Jahr 2000. Es zeigt einen schmalen Endzwanziger mit Mittelscheitel, der mit einer Kollegin und dem damaligen Bürgermeister Peter Brückel auf einen Bildschirm schaut. Anlass war der Start der Internetseite der Gemeinde, „Ratekau ist drin“, hieß es. Angefangen hat Thomas Keller bei der Gemeinde viel früher, 1987 als Auszubildender zum Verwaltungsfachangestellten. Danach studierte er, bewarb sich 1994 erneut und leitete schließlich das Hauptamt.
Es gibt mehr als 600 Aufnahmen vom Bürgermeister Thomas Keller im LN-Archiv: Spatenstiche, Scheck- und Urkundenübergaben, Gratulationen, Gruppenfotos. Aber auch Thomas Keller bei Läufen, am Tischkicker, auf dem Trecker, mit Spendendose der Kriegsgräberfürsorge. Die Abwechslung habe er geschätzt, sagt er – und die Möglichkeit, gestalten zu können: „Man kann Ideen entwickeln, geht durch den Ort und sieht, woran man mitgearbeitet hat.“
Die Ortskernentwicklung war ein wichtiges Projekt seiner Amtszeit: „Wir haben eine einladende Ortsmitte geschaffen, die Nahversorgung gesichert und weitere Geschäfte halten können.“ Sanierung oder Neubau von Infrastruktur wie Schulen, Kitas, Sporthallen und Feuerwehrhäuser seien erheblich vorangekommen. „Wir haben die Finanzen im Griff behalten“, erklärt er. „Ende dieses Jahres wird unser Schuldenstand unter einer Million Euro liegen.“
All die Jahre begleitet hat ihn die Schienentrasse zum Fehmarnbelttunnel. 2009 habe er erstmals von dem Projekt gehört, berichtet Thomas Keller. „Damals sollte die Bestandstrasse zweigleisig ausgebaut werden.“ Wahnsinn, habe er gedacht. Seither habe ihn die Trassenplanung die meiste Zeit gekostet – Besprechungen, Sitzungen, Abstimmungen. Thomas Keller war unter anderem über viele Jahre im Projektbeirat des Dialogforums aktiv. „Als kleine Gemeinde haben wir viel erreicht“, findet er, „zum Beispiel zwei Ortsumfahrungen.“ Eine von ihnen wird „Keller-Kurve“ genannt.
An einer Wand in seinem Büro hängen Pläne vom künftigen Bahnhof Ratekau und vom Trassenverlauf auf Ratekauer Gebiet. Nimmt er die mit? „Nein“, antwortet Thomas Keller. „Aber ich werde dieses Projekt weiter begleiten – als Zuschauer oder vielleicht sogar in einer Funktion.“
Was folgt?
„Erst einmal Pause“
Und was macht er ab August? „Es steht noch nicht fest“, antwortet Thomas Keller. „Erst einmal Pause, und dann wartet hoffentlich eine spannende neue Aufgabe auf mich.“ Vermissen werde er vor allem sein Team im Rathaus, „das ist eine tolle Mannschaft, wir haben super zusammengearbeitet – auch mit der Politik, mit allen Fraktionen“.
Eine offizielle, feierliche Bürgermeister-Verabschiedung habe er nicht gewollt. Stattdessen wurde sein Abschied in den regulären Gemeindeempfang für alle Einwohner der Gemeinde eingebettet, der am 31. Juli stattfand.
Anschließend will sich Keller auf den Berlin-Marathon vorbereiten und hat mehr Zeit für seine Frau Rebecca und die drei Kinder, die 22, 21 und 14 Jahre alt sind. Außerdem auf dem Programm: schrauben am Oldtimer-Käfer. Ein Projekt, das deutlich entspannender sein dürfte als die Planung der Schienentrasse.