Fischsterben nach Havarie:Lange Folgen für die Schwartau
Nach Gewässerverunreinigung: Erstickende Fische versuchten, aus dem Wasser zu springen.

An der Hobbersdorfer Mühle hat ein Futtermittelhersteller seinen Sitz. Die Produktionsstätten liegen direkt an und über dem Fluss.
Bad Schwartau. In Wat-stiefeln und mit einem Kescher in der Hand steht Carsten Dietz im flachen Wasser der Schwartau. Ein Dutzend Mal lässt er das Netz durch das Flusswasser gleiten an der Fußgängerbrücke nach Groß Parin. Der Fang ist immer der gleiche: tote Fische. Leblos liegen Grundlinge, Forellen, Elritzen, Rotfedern auf dem Grund, bewegt nur durch die Strömung. Spaziergänger kommen mit ihrem Hund vorbei, der sich bei der Hitze im Fluss abkühlen soll. „Warten Sie lieber eine Woche, der Fluss ist verunreinigt“, rät Dietz. Das Paar lässt den Hund lieber nicht ins Wasser.

Carsten Dietz ist Vorstandsvorsitzender und Gewässerwart des Angelsportvereins Bad Schwartau. Seit 30 Jahren ist er dabei. „Das hier ist die größte Katastrophe, die ich in der Zeit an der Schwartau erlebt habe“, sagt er. Allein im Bereich der Brücke habe man fast 100 tote Fische gefunden.

Angler wollen tote

Tiere dokumentieren

Ein ähnliches Bild zeigt sich auf mehreren Kilometern flussaufwärts bis zur Hobbersdorfer Mühle. „Ich gehe von mindestens 1000 toten Fischen aus, eher noch mehr“, befürchtet Dietz. Gemeinsam mit seinen Vereinskollegen will er den Fluss noch abgehen, um die toten Tiere zu dokumentieren. Dabei werde man gar nicht alle finden, weil viele schon unter dem Sediment begraben seien. Die Schwartau ist ein 39 Kilometer langer Nebenfluss der Trave. Das 764 Hektar große Schwartautal ist FFH-Gebiet und gehört zum europäischen Biotopverbundsystem Natura 2000.Dass das Fischsterben an der Hobbersdorfer Mühle seinen Anfang genommen hat, ist kein Zufall. Nach ersten Ermittlungen des Kreises und der Polizei ist es dort beim ansässigen Futtermittelgroßhändler in einer Nacht zu einer Havarie gekommen: Mehr als 100 Liter Zuckerrübenmelasse seien dabei in die Schwartau gelangt. Das könnte den Sauerstoffgehalt stark gesenkt haben.

Fische wollten aus

dem Fluss entkommen

„Messungen zeigten eine erhebliche Absenkung der Sauerstoffsättigung im Fluss“, berichtet Polizeisprecher Ulli Fritz Gerlach. Die Polizei ermittelt nun wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung sowie eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Der Betreiber der Hobbersdorfer Mühle wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Man prüfe die Angelegenheit zunächst intern, hieß es lediglich als Antwort auf eine LN-Anfrage.

Beinahe wäre der Vorfall zunächst unbemerkt geblieben. Doch am Samstagabend klingelt gegen 21 Uhr das Telefon bei Dietz. Einem Vereinskollegen waren beim Joggen an der Brücke tote Fische aufgefallen. Als Dietz am Fluss eintrifft, bietet sich ihm ein grausames Bild. Da sind nicht nur Dutzende tote Fische, die im Wasser treiben, sondern etliche, die um ihr Leben kämpfen. Weil die Tiere ersticken, versuchen sie, aus dem Fluss zu springen und schnappen nach Luft. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Dietz. Als ihm bewusst wird, was geschieht, kann der Vereinsvorsitzende die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Gerade das Teilstück der Schwartau zwischen Hobbersdorf und der Höhe Blücher Eiche ist eigentlich eine Naturoase. In den vergangenen Jahren wurde zwischen Hobbersdorf und Groß Parin mit dem Schwartau-Auenprojekt eine der größten Renaturierungsmaßnahmen in Schleswig-Holstein abgeschlossen. Ein rund 4,7 Kilometer langer Abschnitt der Schwartau wurde im Laufe von mehr als drei Jahren umgestaltet, das Gewässer um rund 700 Meter auf etwa fünf Kilometer verlängert. Altarme wurden wieder angeschlossen und Überflutungsflächen geschaffen. Fischarten kehrten in die Schwartau zurück, und der Anglerverein setzte rund 10.000 Elritzen ein, um die Fischart wieder heimisch zu machen.

Fischbestand lässt

sich nicht neu einkaufen

„Nahezu der komplette Fischbestand auf der Strecke zwischen Hobbersdorf und der Brücke ist jetzt tot. Nur einige der ganz frisch geborenen Fische, die unter einem Zentimeter groß sind, haben überlebt“, erzählt Dietz. Er geht davon aus, dass auch die Kleinstlebewesen wie Wasserasseln und Wasserflöhe tot sein könnten. „Ich bin kein Biologe, aber ich denke, das wird fünf bis zehn Jahre dauern, bis wir den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt haben.“

Der Fischbestand lässt sich auch nicht einfach neu einsetzen. „In der Schwartau leben Fischarten, die können sie nicht einfach irgendwo kaufen.“ Zum Beispiel sei die Meerforelle wieder heimisch geworden. „Die können sie nicht einfach im Laden kaufen und hier einsetzen. Das ist von der Genetik etwas ganz anderes, die dürfen hier gar nicht rein. Das ist ein Drama. Oder Gründlinge. Ich wüsste gar nicht, wo ich die jetzt kaufen könnte, wir müssen wohl warten, bis die Arten wieder nachwandern.“

Zusammen mit dem Ahrensböker Verein sei man seit 2017 sehr engagiert dabei, Fischarten in der Schwartau wieder anzusiedeln. Ein Großteil der Arbeit wurde jetzt zunichtegemacht. Dietz: „Ganz ehrlich, das tut unheimlich weh. Es ist, als würde man eine Schaufel vor den Kopf kriegen.“ und SWE



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