„Bad Schwartau wird sterben“: Große Demo gegen Bahn-Pläne
450 Teilnehmer – Bürgerinitiative warnt vor massiven Folgen für den Ort durch die Belttunnelanbindung.

„Unser Kurort wird zerstört, weil die Bahn nicht auf uns hört“: Rund 450 Demo-Teilnehmer ziehen lauthals durch die Schwartauer Innenstadt.Fotos: Manuel Büchner
Bad Schwartau. Holzrasseln geben den Ton an. Es ist laut auf dem Europaplatz in Bad Schwartau. Rund 450 Menschen sind an diesem Sonnabendmittag gekommen, um gegen die Pläne der Deutschen Bahn für die neue Schienenanbindung zum Fehmarnbelttunnel zu demonstrieren. Am Mikrofon steht Volker Haverkamp. Er sagt: „Bad Schwartau wird sterben, wenn die Bahn das durchzieht.“

Haverkamp ist Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Kaltenhof, die gegen den Schienenausbau durch die Stadt kämpft. Hört man in die vielen Gespräche hinein, wird deutlich: Was die Menschen aufbegehren lässt, ist die schiere Summe an Belastungen, die Ostholsteins größte Stadt zu schultern hat. Haverkamp arbeitet sich an ihnen Schritt für Schritt ab.

„Wald soll in großen

Teilen gerodet werden“

Obwohl auf der zweigleisigen Bestandsstrecke gebaut wird, muss die Bahn an der bestehenden Infrastruktur einiges verändern: Es entstehen eine neue Straße, ein drittes, 650 Meter langes Ausweichgleis in Höhe Bahnhof, eine neue Brücke, bis zu acht Meter hohe Lärmschutzwände, ein 3,2 Meter tiefer Absenktrog zwischen A1-Unterführung und der Schwartau sowie eine Fußgängerbrücke und eine Fußgängerunterführung mit barrierefreien Rampen. Das alles benötigt Platz.

„Dafür soll der Wald in großen Teilen gerodet werden“, sagt Haverkamp. Betroffen sind Kuhholz und Mönchkamp. Die BI sagt, es gehe im Stadtgebiet um zwölf Hektar. Die Bahn spricht von 7,8 Hektar. Besonders brisant: Die Bäume sind teils über 250 Jahre alt. „Laut den Landesforsten gehört dieser Wald zu den letzten vier Prozent in Schleswig-Holstein, die über dieses Alter verfügen.“ Das sei die wahrscheinlich größte vorsätzliche Waldvernichtung in Schleswig-Holstein, sagt der Aktivist.

Erschüttert wird Bad Schwartau dann auch von Güterzügen und bis zu 200 km/h schnellen ICEs im Stadtgebiet. Über 300 Häuser in unmittelbarer Nähe zu den Bahngleisen seien nicht ausreichend geschützt. Bewohner würden gesundheitlich belastet und ihre Häuser massiv an Wert verlieren, erzählt Haverkamp.

Besonders hart trifft es die 20.000-Einwohner-Stadt während der Bauzeit. Vier Jahre gibt das Verkehrsunternehmen an – inklusive zwei Jahren Sperrung der Bahnstrecke Lübeck–Kiel. Diese wolle die Bahn auf anderthalb Jahre reduzieren, erzählt der Aktivist und fügt hinzu: „Aber leider zeigt sich deutschlandweit ohne Ausnahme, dass diese Versprechen nichts, aber auch gar nichts wert sind.“

„Verkehrschaos und

Stillstand auf den Straßen“

In der Zeit soll Schienenersatzverkehr fahren: „Erfahrungen zeigen – das klappt nie richtig“, sagt Haverkamp. Bis zu acht große Busse müssten pro Stunde und Richtung auf der Strecke nach Kiel unterwegs sein, um das aktuelle Fahrgastaufkommen aufzufangen.

„Kein Pendelverkehr, keine Touristen per Zug in die Lübecker Bucht, kein schnelles Erreichen des Bahnhofes in Lübeck mehr“, prophezeit Haverkampf. Menschen würden verstärkt das Auto wählen, während auf den Straßen „Verkehrschaos und Stillstand“ drohe. Sämtlicher Straßenverkehr werde sich durch die Innenstadt quälen, weil Kaltenhof/Marienholm als wichtige Verkehrsachse lange Zeit ausfallen werde. Hinzu kommt der Baustellenverkehr: „Gerechnet wird mit bis zu 32.000 Lkw-Fahrten, die zusätzlich die Innenstadt blockieren werden – wahrscheinlich noch mehr“, sagt Haverkamp.

Petra Weber ist mit ihrem Mann Michael zur Demo gekommen. Das Ehepaar ist von den Plänen maximal betroffen. Sie wohnen in der Elisabethstraße an den Bahnschienen, ihnen drohen acht Meter hohe Lärmschutzwände direkt an der Grundstücksgrenze. Und: „Wir gehen regelmäßig im Wald spazieren und genießen die Natur. Das wird jetzt alles zerstört.“Weber erzählt auch von ihrem Sohn, der eigentlich auf dem großen Grundstück der Familie ein Haus bauen wollte. „Zu viel Lärm und Erschütterungen. Er hat sich etwas anderes gesucht“, sagt Petra Weber, bevor sie die Rassel mit voller Kraft drehen lässt. bue
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