Unter ihnen auch Swantje Gebauer. „Es ist grauenhaft, was hier zu sehen ist“, sagte sie kopfschüttelnd und verteilte fleißig Flyer für eine Demo am Sonnabend, 6. Juni, ab 11 Uhr auf dem Europaplatz.
Waldverlust und
jeden Tag Güterzüge
Swantje Gebauer gehört zur Bürgerinitiative (BI) Kaltenhof, die für die Umfahrung des Stadtgebiets kämpft. Geplant wird die Trasse von der Bahn aber mitten durch den Ort. Die östliche Umfahrung der Ortslage über Dänischburg hat die Bahn nach Prüfung verworfen. Die Folgen: Waldverlust, mindestens 70, teils 835 Meter lange Güterzüge, die pro Tag durch Bad Schwartau rollen, und mit Kal-tenhof ein durch den Güterverkehr künftig vom Zentrum abgetrennter Stadtteil.
Hinzu kommen während der vierjährigen Bauzeit: Lärm, massiver Baustellenverkehr, eine mindestens 18 Monate andauernde Streckensperrung und zahlreiche Umleitungen. Anwohnerinnen und Anwohner befürchten ein Verkehrschaos.
Es geht um viel für Bad Schwartau. Mit Blick auf Bauphase und Betrieb muss der Ort mehr wegstecken als jeder andere entlang der 88 Kilometer langen Schienenanbindung von Lübeck bis zum Fehmarnbelt-Lärm: Nachts werden
Grenzwerte überschritten
Unverständnis machte sich auch an den zahlreichen Thementischen breit. Die Bahn-Experten gaben ihr Bestes. Eine große Karte etwa zeigte die Ausgleichsfläche für die 7,8 Hektar Stadtwald, die für die neue Schienentrasse zum Fehmarnbelttunnel gerodet werden müssen. Nur 3,5 Hektar werden vor Ort ersetzt. „Was nützt uns das da oben?“, sagte eine Frau, während sie die Kreise in der Karte bei Kasseedorf, Koselau und Harmsdorf betrachtete.
Monique Lauffer-Schuckmann und ihr Mann Jochen blickten ein wenig verloren auf ein Plakat über Lärmschutz. Sie sagte: „Das ist doch ein Kurort. Die Belastung wird enorm sein.“ Die Bahn investiert 100 Millionen Euro zusätzlich für übergesetzliche Maßnahmen. Bis zu acht Meter hohe Lärmschutzwände werden entlang der Trasse aufgestellt. Aber für den Erschütterungsschutz reicht es nicht.
Jutta Heine-Seela, die technische Projektleiterin der Belttunnelanbindung, sagte später vor großem Publikum: „Wir machen das, was technisch möglich ist.“ Für 317 Gebäude bedeutet das: Nachts werden laut Gutachten die Grenzwerte überschritten. Nach Fertigstellung werde man messen, sagte Heine-Seela und sorgte mit diesem Satz für viel Unruhe im Publikum: „Gibt es Betroffenheiten, haben Sie Anspruch auf Entschädigungszahlungen.“
Lauffer-Schuckmanns wollen eigentlich aus Pansdorf nach Schwartau ziehen – und sie als Heilpraktikerin für Psychotherapie eine Praxis eröffnen. Die erhoffte Ruhe werde man wohl nicht bekommen, sagte er. „Was hier geplant ist, gibt einem schon zu denken“, befand das Ehepaar.
Unterlagen werden
im Juli ausgelegt
Bis die ersten Bagger rollen, wird es noch dauern. Bad Schwartau ist Schlusslicht. Erst seit dem 8. Mai ist auch die größte Stadt Ostholsteins als letzte der zehn Abschnitte im Verfahren. Heißt: Die Bahn hat ihre Pläne beim Eisenbahn-Bundesamt zur Prüfung abgegeben. Was auf dem 2,6 Kilometer langen Abschnitt passieren soll, erfährt die Öffentlichkeit bis ins kleinste Detail wohl spätestens im Juli, wenn die Unterlagen ausgelegt werden. Einen kurzen Einblick vorab mit letzten Anpassungen gab Jutta Heine-Seela. So wird es an der Westseite der zukünftigen Personenunterführung Elisabethstraße einen Wendehammer geben. Die neue Verbindungsstraße auf der Ostseite Richtung Kaltenhof verläuft mit einem stärkeren Knick. Der Grund sei eine identifizierte Tabuzone, erklärt Heine-Seela. „So können wir besonders schützenswerte Bäume erhalten.“
Der gesamte Bahnhofsbereich werde neu gestaltet, wegen der Tieferlegung der Schienentrasse. Beim Anblick der Visualisierung auf der Leinwand zur angrenzenden Personenbrücke und ihrer riesigen Rampen gingt ein Raunen durchs Publikum. Die Größe sei für eine barrierefreie Neigung nötig, erklärte die Ingenieurin. Apropos Barrierefreiheit: Es geht ohne Rampen. Es wird Aufzüge geben – auch zu den Bahnsteigen. Der Bahnübergang Kaltenhof verschwindet – wie alle Übergänge auf der gesamten Strecke durch Ostholstein – und wird zur Straßenbrücke mit Fuß- und Radweg. Die angrenzende Nikolausstraße wird in Richtung Brücke zur Sackgasse und bekommt ebenfalls einen Wendehammer. Auf die Frage aus dem Publikum, wie der Bus vom Bahnhof aus der Verladestraße die enge Kurve fahren kann über die Kaltenhöfer Brücke in Richtung Sereetz. „Die Kurvenradien sind genau bemessen und geeignet“, sagte Heine-Seela.Gibt es Platz für
Rettungswagen?
Kritisch betrachtet wurde das Thema Rettungswege. Eine Bewohnerin aus der Kaltenhöfer Straße wollte wissen, wie die Rettungswagen während der Bauzeit fahren. „Wo kommen die her, wo fahren die hin, wenn es hier nur eine Fußgänger-Behelfsbrücke gibt?“ Heine-Seela: Erst müssten die Umleitungskonzepte der Baufirmen feststehen. „Wir werden Lösungen finden, wie wir die Rettungszeiten einhalten werden.“