Fest steht bereits: Der kleinste Abschnitt der 88 Kilometer langen Trasse ist auch der umstrittenste. Das hat vielfältige Gründe. Engeln erinnert an den einstimmigen Beschluss der Stadtverordneten, dass alle realistischen Trassenverläufe rechtskonform, nachvollziehbar und transparent überprüft werden müssen. „Für uns ist das entscheidend für die zukünftige Entwicklung unserer Stadt“, sagt Engeln.
Bewerbungsmatrix
der Bahn ist nicht
nachvollziehbar
Mit dem Beschluss hat die Kommune die Rechtsprechung auf ihrer Seite. Heißt: Die Bauherrin muss genau hinschauen und abwägen. „Genau das hat die Deutsche Bahn bisher nicht geleistet“, sagt Levka Kienapfel. Die zuständige Bauamtsmitarbeiterin für das Jahrhundertprojekt kritisiert die fehlende Gewichtung der Kriterien wie Natur, Mensch, Boden oder Kulturgüter. „Die Bewertungsmatrix ist nicht nachvollziehbar“, sagt sie.
Die Bahn plant mit der bestehenden Strecke durch das Stadtgebiet als beste Lösung. Engeln und Kienapfel sehen das skeptisch. „Basierend auf unseren Erkenntnissen gehen wir davon aus, dass die X-Trasse gegenüber der Durchfahrung Bad Schwartaus vorzugswürdig ist“, sagt die Bauamtsmitarbeiterin. Ihre Chefin ergänzt: „Für uns ist es nicht nachvollziehbar, dass es mitten durch die Stadt geht – mit all den damit verbundenen Nachteilen.“
Andere Orte wie Ratekau oder Scharbeutz
werden umfahren
Die Skepsis in Bad Schwartau geht viele Jahre zurück. Ostholstein bekommt durch das 2010 beschlossene Raumordnungsverfahren des Landes im Ergebnis eine überarbeitete Trassenführung mit 55 der 88 Kilometer als Neubaustrecke zwischen Lübeck und Puttgarden.
Der Güter- und Personenfernverkehr wird die Ortslagen von Großenbrode, Oldenburg, Lensahn, Neustadt, Scharbeutz und Timmendorfer Strand umfahren. „Ratekau hat am Ende gleich zwei Umfahrungen bekommen“, sagt Engeln. Für Bad Schwartau ist damals ebenfalls eine östliche Umfahrung im Spiel. Sie wird später als sogenannte X-Trasse bekannt. Doch die Variante wird von der Landesplanung 2014 verworfen. Ostholsteins größte Stadt geht leer aus.
Die Krux an der Sache: Ein wissenschaftliches Rechtsgutachten aus dem Jahr 2024, beauftragt von Bad Schwartau, kommt zu dem Schluss, dass die Abwägung der Landesplanung unzureichend und fehlerhaft ist. So wird etwa den Bewohnern an der möglichen X-Trasse in Dänischburg eine höhere Belastung durch Lärm und Erschütterungen vom Eisenbahnverkehr attestiert als denen an der Strecke durch Bad Schwartau.
Diese laut Gutachten fehlerhafte Aussage übernimmt die Bahn in den bisher veröffentlichten Planungsunterlagen der anderen Abschnitte zum Gesamtüberblick der 88 Kilometer langen Trasse. Einzige Ausnahme: der Abschnitt Ratekau-Haffkrug. Hier wird auf eine textliche Erläuterung zur Belastung der Menschen an der Trasse verzichtet. Nur tabellarisch wird die X-Trasse diesbezüglich als Schlusslicht skizziert – vergraben im Erläuterungsbericht zur Umweltverträglichkeitsstudie.
Auf der Trasse durch die Stadt plant die Bahn mit einem 3,2-Meter-Trog rund um den dicht bebauten Bereich der Kaltenhöfer Straße. Die Stadt fordert seit Jahren eine Sieben-Meter-200 statt 20 Wohnhäuser in Bad Schwartau betroffen
Genau diese Verträglichkeit steht seit Anfang 2024 massiv zur Diskussion. Bis dahin war laut Prognose der Bahn der nächtliche Erschütterungsgrenzwert von 49 dB(A) durch Güterzüge bei knapp 20 Wohnhäusern an der Strecke überschritten. Dann stellte sich heraus: Es sind 200 Wohnhäuser betroffen. Ein Fehler mit Folgen für die Abwägung des Trassenverlaufs, sagen Experten.Als Konflikt erachtet Engeln mit Blick auf die Trassenprüfung auch die Abschnittsbildung. Um die komplexe Planung zu meistern, ist die Hinterlandanbindung zwischen Lübeck und Fehmarn in zehn getrennte Streckenabschnitte unterteilt. 2020 wurde die Stadt aus dem Abschnitt 1 Bad Schwartau-Haffkrug (18,6 Kilometer) bis zur Grenze zu Ratekau herausgetrennt. „Bad Schwartau wird zum Lückenfüller und gerät unter die Räder“, sagt Engeln.
Das Problem: Die angrenzenden Abschnitte Lübeck und Ratekau-Haffkrug sind in der Planung weiter fortgeschritten. „Dort werden Tatsachen geschaffen, die für unseren Abschnitt Vorfestlegungen darstellen“, betont die Bürgermeisterin.Aktuell heißt es im Rathaus: abwarten. „Wir gehen davon aus, dass die Planung zwischen April und Mitte Mai öffentlich ausgelegt wird“, sagt Kienapfel. „Erst dann wissen wir genau, woran wir sind und wie es weitergeht“, sagt Engeln. Ein Bahnsprecher bestätigt das Zeitfenster. Parallel dazu sei auch eine Veranstaltung für die Öffentlichkeit in Planung.