Ein Freund der Tauben
Nico Kraeft rettet verletzte Stadttauben in Lübeck und Bad Schwartau.

Manche Menschen mögen es nicht, wenn Tauben gefüttert werden. Nico Kraeft braucht jedoch gelegentlich Futter, um verletzte Tiere anzulocken und einzufangen.Foto: Sven Wehde
Lübeck/Bad Schwartau. Seit Tagen sitzen die drei Tauben in dem Fahrstuhlschacht fest. Durch einen Lüftungsschlitz auf dem Dach sind sie hineingeraten und kommen jetzt nicht mehr raus. Ohne Nahrung, ohne Wasser. Eine Taube stirbt, die anderen beiden sind dem Tode nahe. Schließlich öffnet sich eine Luke und ein junger Mann steckt seinen Kopf hinein. Holt die eine Taube mit dem Kescher heraus, die andere kann er mit den Händen greifen, sie hat keine Kraft mehr, zu fliehen.

Der junge Mann nimmt die beiden Tiere mit nach Hause und päppelt sie tagelang wieder auf. Alle 30 Minuten müssen sie zu Beginn gefüttert werden. „Ich muss langsam anfangen. Wenn ich ihnen zu früh zu viel gebe, kann das zu einem Kreislaufkollaps oder Organversagen führen“, erklärt er.

Der junge Mann ist der 33-jährige Nico Kraeft aus Bad Schwartau. Jede Woche ist er unterwegs, verbringt einen Großteil seiner Freizeit damit, den Stadttauben in Lübeck und Bad Schwartau zu helfen. Wenn Hausbesitzer oder Bauherren ein Problem mit Tauben haben, kommt er vorbei, kriecht über Dachböden, klettert auf Baustellen oder ist in leerstehenden Häusern unterwegs, um Eier auszutauschen oder im Notfall auch Tiere umzusiedeln. Mit einem Entschnürungsset, ähnlich einem Nageletui, sucht er auf Bahnhöfen oder in Fußgängerzonen nach Tauben, die sich in Schnüren verfangen haben, um sie zu befreien.

Auf Futtersuche verfangen sich Tauben in Schnüren

Vor einigen Wochen wurde er gerufen, weil eine Taube vor der Stadtbäckerei in Bad Schwartau schwer verletzt umhertaumelte. „Ihre beiden Füße waren so eng zusammengeschnürt und so schwer verletzt, dass sie kaum mehr laufen konnte“, erinnert sich Kraeft. Er befreite sie, brachte sie zum Tierarzt und suchte eine Pflegestelle.

„Leider passiert das immer wieder. Vielen Tauben fehlen Zehen oder ganze Füße. Durch ihren Hunger sind sie den ganzen Tag in der Stadt auf Futtersuche. Dabei wickeln sich Stoff, Schnüre oder Fäden um die Füße und gehen wegen der Schuppen nicht wieder herunter. Das ist schlimm und schmerzhaft für die Tiere.“

Schlechtes Image der

Tiere ist unbegründet

Der junge Mann verbringt Stunde um Stunde auf den Straßen, um den Tieren zu helfen. Warum? Er überlegt kurz. „Weil es mir eine echte Herzensangelegenheit ist.“ Es tue ihm in der Seele weh, wenn er mit ansehen müsse, wie Menschen achtlos an verletzten Tieren vorbeigehen, sie zum Spaß jagen oder sogar quälen. „Tauben werden mit Absicht eingesperrt, sodass sie jämmerlich verhungern, sie werden absichtlich überfahren, verletzt, vergiftet oder abgeschossen.“

Kraeft möchte nicht nur Tiere retten, er möchte auch aufklären. „Das schlechte Image der Tauben ist völlig unbegründet. Sie werden von vielen als Ratten der Lüfte bezeichnet, aber das stimmt nicht.“ Kraeft, der sich schon als Kind sehr für Tiere interessiert hat und alle Vögel mag, hat sich viel mit Vogelkunde beschäftigt.

„Es ist von seriösen Instituten in Studien längst belegt, dass Tauben nicht mehr Krankheiten übertragen als jeder andere Singvogel auch.“ Tatsächlich gelten Tauben nicht als infektiöser als andere Wildtiere, lediglich bei der Entfernung von Taubenkot sollten eine Atemschutzmaske und Einweghandschuhe getragen werden.

Zudem seien es die Menschen gewesen, die die Tiere in ihre heutige Lage gebracht hätten. „Tauben sind verwilderte Haustiere, die von der Felsentaube abstammen, die an Steilküsten und im Gebirge leben. Sie sind durch uns Menschen überhaupt erst in der Stadt gelandet und wurden extra gezüchtet, um viele Eier zu legen.“

In der Natur außerhalb der Städte könnten sie nicht überleben, und sie brauchen die Spalten der Gebäude, um zu brüten. Damit die Populationen dabei nicht zu groß werden, habe es sich bewährt, die Tauben-Eier gegen unechte Eier auszutauschen. „Bis zum achten Bruttag ist das möglich“, sagt Kraeft. Die Ersatz-Eier seien wichtig, damit die Tauben nicht sofort neue Eier legten.

Kraeft hat eine Berufung: „Ich möchte für Mensch und Taube da sein und Konflikte schlichten und Ansprechpartner sein. Man kann Tauben mögen oder nicht, aber niemand muss ihnen Leid zufügen.“ Deshalb bittet er jeden, der ein Problem mit Tauben hat, sich an ihn zu wenden, damit man gemeinsam eine Lösung findet. Der Taubenexperte ist unter der E-Mail naturfreund16@gmx.de zu erreichen.

Plötzlich ist ein Geflatter in der Luft zu hören. Vor Kraeft auf dem Gehweg landen drei Tauben, eine ist weiß. „Da ist auf jeden Fall eine Hochzeitstaube mit drin”, sagt Kraeft. Und da fällt ihm noch etwas ein. „Ich möchte alle bitten, bei ihrer Hochzeit auf Hochzeitstauben zu verzichten.“ Diese würden entgegen der Behauptung vieler Anbieter in den meisten Fällen nicht zurückfinden. Kraeft: „Sie stranden in der Stadt, wo sie ums Überleben kämpfen oder jämmerlich verenden oder von Beutegreifern geschlagen werden, da sie das Leben draußen nicht kennen.“

Ihre einzige Chance wäre es, wenn sie das Glück haben, Nico Kraeft zu begegnen, einem Menschen, dem die Tiere wirklich sehr am Herzen liegen. swe
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