Bei Minus-Graden:Unterwegs mit dem Herzenswärmebus
Lübecker Obdachlosenhilfe unterstützt Bedürftige – Vier Abende pro Woche am Klingenberg.

Der Herzenswärmebus der Lübecker Obdachlosenhilfe macht montags, mittwochs, donnerstags und freitags am Klingenberg Station. Pro Abend werden 40 bis 70 Menschen versorgt.Foto: Marcus Kaben
Lübeck. Es ist kurz nach 18.30 Uhr, und der Herzenswärmebus wird in der Lübecker Innenstadt sehnsüchtig erwartet. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt warten sechs Männer und zwei Frauen am Klingenberg auf die Lübecker Obdachlosenhilfe. Der Herzenswärmebus, der seit 2019 in der Hansestadt unterwegs ist, macht montags, mittwochs, donnerstags und freitags von 18.30 bis 20 Uhr am Klingenberg Station.

An diesem Abend gibt es Gulaschsuppe, gekocht von jungen Männern, die im Rahmen des Projektes „Junges Wohnen“ im CVJM Lübeck leben. An der Essensausgabe im Bus stehen Abdirisaag (17) aus Somalia und Yasser (19) aus Syrien.

Die beiden haben sichtlich Freude an ihrer Aufgabe. Für jeden Gast haben sie ein strahlendes Lächeln und ein liebes Wort. „Die Kooperation besteht seit einem Jahr und ist eine echte Win-Win-Situation und gelebte Inklusion“, sagt Janina Gilde, die beim CVJM arbeitet und sich bei der Obdachlosenhilfe engagiert.

Die Schlange vor dem Herzenswärmebus wird schnell länger. Geduldig warten mehr als 40 Menschen, bis sie an der Reihe sind. An Bord hat der Bus auch Getränke, Süßigkeiten, Deo, Taschentücher, Kondome und Dosensuppen. Die Renner an diesem Abend sind neben der Gulaschsuppe selbstgebackener Kuchen sowie kleine Schokoriegel und Würstchen im Glas.

Michael (52) gehört zu den Stammgästen und freut sich riesig über ein Paar Handschuhe. „Ihr seid die Besten“, sagt der Obdachlose und umarmt dankbar Jan Rühmling, der die Lübecker Obdachlosenhilfe 2019 als Verein gegründet hat und ihr Vorsitzender ist. Seitdem sei die Zahl der Obdachlosen in der Hansestadt stetig gewachsen. „Erschreckend ist, dass unter ihnen immer mehr Frauen und junge Menschen sind“, sagt der 53-Jährige. Auch die Altersarmut nehme drastisch zu.

Nicht nur Obdachlose sind beim Herzenswärmebus willkommen. Versorgt werden auch Wohnungslose, die irgendwo Unterschlupf finden, und Bedürftige. Ein älteres Paar steht mit leeren Tüten vorm Herzenswärmebus. Deal, der eigentlich Detlef Erich Axel Lange heißt, packt ihnen die Taschen voll. „Ohne diese Hilfe kämen wir nicht über die Runden“, sagt die Frau leise.

Die Mehrzahl der geschätzt bis zu 100 Obdachlosen in Lübeck sei alkoholkrank oder drogenabhängig, sagt Rühmling. Zum Ende des Monats werde die Stimmung häufig gereizter, weil das knappe Geld aufgebraucht sei.

Doch an diesem Abend ist es friedlich. Es wird viel gelacht, die Menschen erzählen Rühmling und Deal, was sie gerade bewegt. „Das gemeinsame Essen wirkt wie ein Kommunikations-Katalysator. Es ist ein bisschen wie bei einer Familie, die sich beim Abendbrot über den Tag austauscht“, sagt der Chef der Obdachlosenhilfe.

Um sich besser in seine Schützlinge hineinversetzen zu können, hat der 53-Jährige selbst für einige Tage auf der Straße gelebt. „Am zweiten Tag hätte ich am liebsten abgebrochen. Ich musste mich echt zwingen, weiterzumachen“, erinnert sich Rühmling. Diese Zeit habe ihn nachhaltig verändert: „Ich habe noch nie so viel Solidarität erfahren. Menschen, die selbst nichts haben, haben sich um mich gekümmert und mich aufgefangen.“

„Wir passen aufeinander auf“, bestätigt Rolf, der aus Sachsen kommt und mit seiner Frau Annett seit einem Jahr in Lübeck auf der Straße lebt. Der 50-Jährige ist nach einer Operation vorerst auf einen Rollstuhl angewiesen und beklagt, dass „derzeit keine barrierefreie Unterkunft für Obdachlose frei ist“.

Die Hansestadt hat in diesem Winter zusätzlich zu den Notunterkünften noch Schlafplätze im Bodelschwinghhaus am Meesenring geschaffen. 18 Plätze bietet die Diakonie Nord Nord Ost im Auftrag der Stadt an, die bei Bedarf auf 35 Plätze erweitert werden können. Laut Rühmling wollen viele Obdachlose nicht in eine Unterkunft: „Einige halten es nicht aus, mit mehreren Menschen in einem Raum zu schlafen, andere haben Angst, dort Leute zu treffen, bei denen sie Schulden haben.“

Die Obdachlosenhilfe finanziert sich über Spenden. Derzeit werden vor allem Isomatten, Schlafsäcke und Zelte gesucht. Spenden können nach telefonischer Absprache unter 0451/53099353 bei der Obdachlosenhilfe abgegeben werden oder bei Andys Kiosk an der Moltkebrücke.

Die warmen Mahlzeiten bekommt der Herzenswärmebus hauptsächlich vom CVJM, der Fleischerei Oldekop und dem Restaurant Kartoffelkeller. Auch Privatleute können für die Obdachlosen kochen, wenn sie einige Vorgaben beachten. „Es müssen mindestens 50 Portionen sein, damit niemand leer ausgeht“, sagt Rühmling. Die Gerichte sollten kein Schweinefleisch und wegen der Hygienevorschriften auch kein Geflügel und kein Hackfleisch enthalten.

Als an diesem Abend am Klingenberg alle Menschen versorgt sind, steuern Rühmling und Deal noch einige Schlafplätze an – auf der Suche nach Schützlingen, die nicht gekommen sind. Die restliche Suppe geht ans Männerwohnheim der Heilsarmee. Auch dort werden die beiden freudig empfangen: „Wie schön, dass ihr an uns denkt!“ und GRI

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