Familie Bulut verliert ihr Zuhause
Grundstück wird für Hinterlandanbindung gebraucht – Bislang keine Einigung mit Deutscher Bahn über Verkaufspreis.

Zuhause auf Zeit: Jacqueline und Sercan Bulut – hier mit Sohn Ennes – müssen ihr Grundstück an die Deutsche Bahn verkaufen.Fotos: Manuel Büchner
Bad Schwartau. Ein kurzes Rauschen tönt durch das Wohnzimmer von Sercan Bulut. „Der Zug nach Kiel oder Neustadt“, sagt der 38-Jährige fast beiläufig. Mit seiner Frau Jacqueline und dem fünfjährigen Sohn wohnt Bulut an den Bahnschienen in Bad Schwartau. Noch. Denn die Deutsche Bahn (DB) benötigt das Grundstück für den Ausbau der Schienentrasse zum Fehmarnbelttunnel. Wie der Staats-
konzern den Kauf anstrebt, irritiert die Familie.

Die Buluts stellen klar: Die Hinterlandanbindung habe europaweite Bedeutung, man wolle dem Projekt nicht im Weg stehen. Aber: „Wir wollen einen gleichwertigen Ersatz für unser Zuhause“, sagt Jacqueline Bulut. Und genau an dieser Stelle wird es kompliziert.

Ein unabhängiger Gutachter hat im Auftrag des Verkehrsunternehmens den Verkaufswert des Hauses bestimmt. Das Ergebnis ist ernüchternd. „Für das Geld gibt es in der Region nichts auf vergleichbarem Niveau“, sagt Jacqueline Bulut.

Ob günstiger Kredit oder angepasster Verkaufspreis: Die Familie hat der Bahn mehrere Vorschläge dieser Art unterbreitet, um zu einer Einigung zu gelangen. „Sie haben alles abgelehnt“, sagt sie. Die Familie wartet aktuell auf das Ergebnis eines zweiten Gutachtens. Große Erwartungen haben sie nicht.

Wann die drei ausziehen müssen, wissen sie nicht. Auch die Bahn gibt auf Nachfrage dazu keine Antwort. Aus datenschutzrechtlichen Gründen werde man sich nicht zum Fall der Familie Bulut äußern, sagt ein Sprecher des Verkehrsunternehmens. Nur so viel: „Es gibt eindeutige, gesetzliche Regelungen, an die wir uns halten.“ Die Bad Schwartauer
Familie ist kein Einzelfall. Entlang der Schienenhinterlandanbindung gibt es laut Bahnsprecher neun Wohngebäude, die durch die Bahn gekauft wurden oder noch gekauft werden.

2028 will die Bahn in Bad Schwartau bauen

Aktuell geht die Bauherrin der Hinterlandanbindung davon aus, dass sie die fertigen Planungsunterlagen für Bad Schwartau bis zum Frühjahr zur Prüfung beim Eisenbahn-Bundesamt einreichen wird. Bis zum Sommer sollen die Pläne für den 2,6 Kilometer langen Abschnitt öffentlich ausliegen. 2028 könnte gebaut werden.

„Vor anderthalb Jahren sollte es noch Ende 2026 losgehen“, erinnert sich der 38-Jährige. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt hat die Familie erfahren, dass sie ihr Zuhause aufgeben muss. Das Ehepaar sah Pläne, die zeigen: Ihr Grundstück wird für die Anbindung einer neuen Fußgängerunterführung gebraucht. „Ich musste schon zweimal hingucken, bevor ich das glauben konnte“, erzählt Sercan Bulut.

Für die Familie zerplatzte ein Traum. Die Buluts hatten das Haus 2018 gekauft. „Damals wusste ich nicht, dass die Bahn das Grundstück benötigt“, sagt Sercan Bulut. Die Frage, seit wann mit dem Grundstück geplant wird, beantwortet die Bahn nicht.Neue Bodenplatte mit Fußbodenheizung, neuer Ofen, schalldichte Fenster, Solarthermie auf dem Dach, neue Elektrik oder neu isolierter Dachstuhl – die Familie investierte in ihr „perfektes Zuhause“. Es sollte Stück für Stück weiterentwickelt werden. Hinzu kommt der direkte Zugang zum Wald. „Unser Sohn kann dort spielen und herumtoben. Das ist ideal“, sagt Sercan Bulut.

Doch diese Euphorie ist inzwischen längst verflogen. „Wir haben losgelassen, sind gefühlt auf dem Absprung.“ Nur wann der Absprung kommt, bleibt offen. Gern würde die Familie noch Geld in die Hand nehmen, beispielsweise für eine Photovoltaik-Anlage oder den Ausbau des Kinderzimmers. „Das ergibt jetzt aber keinen Sinn mehr“, sagt der Vater.

Droht eine Enteignung?

Die Kommunikation mit der Bahn gestaltet sich schwierig. Schon der erste Austausch mit dem Verkehrskonzern war holprig. Denn die Hausbesitzer erfuhren von ihrem Schicksal nur durch Zufall aus dem Bauamt der Stadt – nicht von der Bahn. „Erst nach dem Artikel in den Lübecker Nachrichten stand die Bahn bei uns vor der Haustür“, erzählen die Buluts.

Längst kommunizieren Bahn und Buluts über einen Anwalt. „Von uns wird Flexibilität gefordert. Die andere Seite bewegt sich aber keinen Schritt auf uns zu.“ Allgemeiner Tenor der Bahn in den Gesprächen: „Wollen Sie verkaufen oder sich querstellen?“, fasst er zusammen.

Die Familie weiß: Am Ende der Fahnenstange wartet die Enteignung. Doch die benötigt Zeit. „Das will die DB nicht. Sie tut aber nichts dafür, um es zu verhindern“, sagt Jacqueline Bulut. Die Bad Schwartauer hätten dadurch keinen finanziellen Nachteil. Der Verkaufswert der Immobilie werde auch bei einem staatlich angeordneten Entzug von Eigentum bezahlt.

„Wir haben keinen Zeitdruck – die Bahn schon“, sagt sie. Ihre Botschaft an den Staatskonzern: „Wir sehen nicht ein, dass wir am Ende einen Nachteil haben. Kauft uns das Haus zu einem fairen Preis ab.“ Die von der Bahn eingeforderte Flexibilität treibt bisweilen auch seltsame Blüten, findet das Paar. Es zeigt ein Schriftstück des Verkehrsunternehmens. Experten im Auftrag der Bahn wollten für die Beobachtung von Fledermäusen ins Haus der Familie – und das von Mitternacht bis morgens, fast sechs Monate lang. „Das haben wir abgelehnt“, erklärt Sercan Bulut. bue

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